Bei Yvonne Candinas «La Hetta» an der Strasse zum Nord-Süd-Pass legen Reisende gerne eine Pause ein: für Regionales und Hausgemachtes.
Der einzige Gast, «der mir gerne fernbleiben könnte», ist der Wind, der oft und kräftig vom Piz Vallatscha her bläst. Sonst aber freut sich Yvonne Candinas über jeden Besuch in ihrer «La Hetta», der Verkaufsbude an der Strasse zum Lukmanier. Sie befindet sich bei einer Haarnadelkurve knapp unter dem Örtchen Curaglia, wo sie zur Welt gekommen ist, und begeistert an Sommerwochenenden unzählige Töff-, Auto- und Velofahrer. «Ich bin seit letztem Jahr hier und die Tage, an denen ich Däumchen drehen muss, sind eher selten».
An guten Tagen stoppen bis zu 40 Fahrzeuge, aber auch Wanderer bei ihr, «und etliche Kunden sehe ich ziemlich regelmässig». Was sie erstehen können, ist «mit Liebe gemacht», liest man auf der Karte der Chefin. Hausgefertigte Konfitüren etwa, Honig, Capuns, Würste und diverse Naschereien wie kleine Nusstorten. Zu haben ist aber auch Beständigeres, etwa Pfeffermühlen, die Yvonnes Mann drechselt, Socken, die ihre Mutter strickt und wunderhübsche Tierzeichnungen ihrer Tochter Samira: «Ohne meine Familie läuft nichts». Vier, fünf örtliche Lieferanten versorgen «La Hetta» zudem mit Bergkäse, aber auch Kristallen. «Bei mir finden alle, die zum Stöbern kommen, ein Souvenir oder mindestens Tourenproviant».



Handel – den gab es am Lukmanier schon früh. Schon für die alten Römer, so belegen Münzenfunde, war er eine wichtige Verbindung vom Süden nach Norden. Nach der Gründung der Benediktinerabtei Disentis ums Jahr 700 bauten Walser die Trampelpfade aus und im Mittelalter brachten italienische Säumer Reis, Stoffe und Olivenöl nach Graubünden. «Wer weiss – vielleicht gab es ja bereits damals Treffpunkte wie meinen», sagt Yvonne, eine gesellige 52-Jährige, die sich «auf jeden Schwatz» freut an den Wochenenden von Mitte Juni bis Mitte Oktober. Wie gut sie bei Besuchern ankommt, beweist «das stets gut gefütterte Trinkgeldsäuli» auf ihrem Ladentisch.
Einmal pro Saison, am Frei-Pass-Tag, ist für vier Stunden absolute Ruhe vor «La Hetta». Dann nämlich gilt Fahrverbot für alles Motorisierte. Und Yvonne kann kurz durchatmen.
